LGBTQIA+ feindliche Diskriminierung im Gesundheitsbereich – Die GAW im Austausch mit Betroffenen
In der Beratung der Gleichbehandlungsanwaltschaft erzählen LGBTQIA+ Personen immer wieder von Diskriminierung durch Ärzt:innen und medizinisches Personal. Das ist keine Randerscheinung, wie Daten der Europäischen Grundrechteagentur FRA zeigen.
Die 2024 veröffentlichte Umfrage der FRA hat ergeben, dass von den befragten LGBTQIA+-Personen in Österreich 12 % im vergangenen Jahr bei der Gesundheitsversorgung diskriminiert wurden. 11 % haben angegeben, dass sie aus Angst vor Diskriminierung auf einzelne Behandlungen verzichten oder Gesundheitsdienstleistungen ganz vermeiden. Die Befragten berichteten dabei vor allem von Problemen bei der sexuellen Gesundheitsversorgung (48 %) und der psychischen Gesundheitsversorgung (38 %). Dabei sind gerade LGBTQIA+-Personen aufgrund von Diskriminierungserfahrungen öfter von psychischen Problemen betroffen. Vorsorgeuntersuchungen und Safer Sex sind zudem unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung sehr wichtig.
Viele Betroffene berichten der GAW von übergriffigen Kommentaren und Verhaltensweisen oder Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung. Oft werden das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung abgesprochen oder pathologisiert. Gerade TIN-Personen (trans-, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen) erleben oft Deadnaming oder Misgendering.
Hinweis
Misgendering bedeutet, eine Anrede und Pronomen zu verwenden, die nicht mit dem Geschlecht der Person übereinstimmen. Deadnaming bedeutet, den alten, abgelegten Namen einer TIN-Person zu verwenden. Bei beiden Arten der Diskriminierung spielt Transfeindlichkeit eine Rolle, da das Geschlecht der Person nicht anerkannt wird.
Für die diesjährige Pride-Kampagne hat die Gleichbehandlungsanwaltschaft mit vier Organisationen darüber gesprochen, welche Herausforderungen im medizinischen Bereich bestehen und was für Forderungen sie haben, damit sich das ändert. Dabei lag das Augenmerk darauf, besonders vielen unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema „Gesundheit“ Raum zu geben. Bei einigen Punkten waren sich alle einig: LGBTQIA+-Personen stehen vor verschiedenen Hürden, wenn es um den Zugang zu und die Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen geht. Besonders wichtig für das Bekämpfen dieser Hürden sind eine stärkere Sensibilisierung des medizinischen Personals und mehr Wissen über LGTBQIA+ spezifische Themen.
Die Gesprächspartner:innen waren VIMÖ – Verein intergeschlechtlicher Menschen Österreich, Ninlil – Empowerment und Beratung für Frauen mit Behinderung, Heublumen, eine Initiative für LGBTQIA+-Personen im ländlichen Raum und das Primärversorgungszentrum Teampraxis im 6. mit der angeschlossenen Beratungsstelle an.doc.stelle.
Intergeschlechtliche Menschen als größte Expert:innen über die eigene Gesundheit
Im Gespräch haben Charlotte Wunn und Magdalena Klein von VIMÖ - Verein Intergeschlechtlicher Menschen Österreich erzählt, wie wenig Wissen es über Intergeschlechtlichkeit und Variationen der Geschlechtsmerkmale im Gesundheitssystem gibt. Betroffene müssen oft lange suchen, bis sie Ärzt:innen finden, die sich mit dem Thema auskennen. In vielen Fällen ist es sogar so, dass Betroffene sich besser auskennen als Ärzt:innen und dann vor der Hürde stehen, dem medizinischen Personal dieses Wissen vermitteln zu müssen.
Das ist ein Problem, denn „allein dadurch, dass in Österreich medizinisch und gesundheitlich nicht notwendige Eingriffe an Kleinkindern nach wie vor erlaubt sind und durchgeführt werden“ spielt das Thema Gesundheit eine zentrale Rolle für intergeschlechtliche Menschen, betont Magdalena Klein, Obmensch von VIMÖ. Solche Eingriffe, egal ob chirurgisch oder durch eine Hormonbehandlung, haben nämlich lebenslange Folgen für die betroffenen Personen – die wiederum keine geeigneten Anlaufstellen und Ärzt:innen finden, um diese Folgen zu behandeln und zu betreuen. Deswegen fordert VIMÖ ein Verbot von medizinisch und gesundheitlich nicht notwendigen Eingriffen an Babys und Kleinkindern, die ohne die aufgeklärte Zustimmung der Betroffenen stattfinden. Die Eingriffe finden zudem meist nur statt, um Kinder mit Variationen der Geschlechtsmerkmale an die binäre Norm von männlich oder weiblich anzupassen, obwohl die Kinder auch ohne den Eingriff ein gesundes Leben leben könnten.
Um die Wissenslücke bei Ärzt:innen und medizinischem Personal zu schließen, hat VIMÖ eine Broschüre neu aufgesetzt. Diese enthält Informationen über Intergeschlechtlichkeit, darüber, wie man über und mit intergeschlechtlichen Menschen redet, und Behandlungsempfehlungen.
LGBTQIA+ Personen mit Behinderung begegnen mehreren Hürden
Auch Elisabth Udl, Geschäftsführerin des Vereins Ninlil, berichtet von Hürden beim Zugang zum Gesundheitsbereich, die ihre Klient:innen betreffen. Menschen mit Behinderungen erleben strukturelle und bauliche Barrieren – zum Beispiel fehlt es an barrierefreier gynäkologischer Versorgung oder es gibt zu wenig Zeit, um Informationen verständlich zu vermitteln.
LGBTQIA+-Personen mit Behinderungen werden zudem sowohl im Gesundheitsbereich als auch im Alltag meist nur als Menschen mit Behinderungen wahrgenommen und darauf reduziert. Damit wird ihre LGBTQIA+ Identität unsichtbar gemacht. Im Gegenzug sind feministische oder LGTBQIA+-Räume „oft nicht gut zugänglich für Menschen mit Behinderung“ – dort fehlen also die Perspektiven von Menschen mit Behinderungen. Elisabeth Udl betont aber, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert hat und intersektionales Denken zunimmt. Sie wünscht sich im Gesundheitsbereich „mehr Bewusstsein für Ableismus, Sexismus und Homophobie.“
Unsichtbar am Land
LGBTQIA+-Personen am Land stehen vor der strukturellen Hürde, dass es wenig Sichtbarkeit und Communityräume gibt. Deswegen setzt der Verein Heublumen ein besonderes Augenmerk auf die mentale Gesundheit, erklärt Florian Niederseer, Obperson des Vereins. Es sei so schon nicht einfach, Ärzt:innen zu finden, die sensibilisiert sind und sich mit den Lebensrealitäten von LGBTQIA+-Personen auskennen. Am Land ist es noch viel schwieriger, geeignete Praxen zu finden. Deswegen versucht Heublumen, passende Empfehlungen zu geben. Auch der Rückhalt in der Community selbst und regelmäßiger Austausch ist für die mentale Gesundheit wichtig.
Was ein großes Problem bei der psychischen Gesundheitsversorgung ist, betrifft auch alle anderen medizinischen Bereiche. Florian Niederseer erzählt, dass Personen aus der Community oft berichten, bei Ärzt:innen die Erfahrung zu machen, dass diese sich viel zu wenig mit den medizinischen Lebensrealitäten von LGBTQIA+ Personen auseinandersetzen. Deswegen wünscht er sich eine effektivere Sensibilisierung der Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten. Außerdem gibt er den Tipp, in der Ordination zum Beispiel einen Regenbogen anzubringen, um „aufzuzeigen […], dass man sicher ist, dass man offen als queere Person die Sorgen, die man hat, auch aussprechen kann.“
Sensibler Umgang erfordert persönlichen Einsatz
Der Fokus auf LGBTQIA+-Patient:innen der Teampraxis im 6. ist aus der Situation heraus entstanden, dass es kaum medizinische Versorgungsangebote für HIV-positive Personen gab, deren Erkrankung gut im Griff war und nicht mehr zwingend im Krankenhaus behandelt werden musste. Der Fokus hat sich dann auf andere sexuell übertragbare Krankheiten ausgeweitet und umfasst mittlerweile auch Angebote für zum Beispiel transgeschlechtliche Personen, erzählt Miloŝ Vasiljević, Arzt und Gesellschafter in der Teampraxis. Durch die Einbindung der an.doc.stelle, die einen bio-psychosozialmedizinischen Ansatz verfolgt, konnten die Patient:innen von Anfang an auch auf diesen Ebenen unterstützt werden, betont Miriam Alvarado-Dupuy, Leiterin der an.doc.stelle und Sozialarbeiterin, den Vorteil der Zusammenarbeit. Auf Basis der Rückmeldungen, die sie von ihren Patient:innen bekommen, merken sie, dass sensibilisierte Praxen selten sind.
Das erklären sie sich unter anderem durch den Aufbau der medizinischen Ausbildung. Zwar sind sexuelle Orientierung und Geschlecht mittlerweile öfter Inhalt im Studium, aber nach wie vor ein unterrepräsentiertes Thema. Ihr Wissen haben sich alle Mitarbeitenden über Fortbildungen selbst erarbeitet und teilweise ihre eigene Freizeit darauf verwendet. Deswegen betonen beide, wie wichtig es ist, voneinander zu lernen und Erfahrungen und Wissen zu teilen.
Das sehen auch andere Expert:innen so. Johanna Pfabigan, Gesundheitsexpertin, hat deswegen 2024 ein E-Learning Tool für Menschen, die in Gesundheitsberufen arbeiten, entwickelt.
Luft nach oben
Mangelndes Wissen beim medizinischen Personal, unsensible Ärzt:innen, kaum spezialisierte Angebote – die Hürden für LGBTQIA+-Personen beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen sind vielfältig. Oft führt das dazu, dass Betroffene Diskriminierung und herabwürdigende Behandlung erfahren, obwohl gerade medizinische Behandlungen sehr intime und verletzliche Momente sind.
Aber das Bewusstsein wächst. Es gibt Initiativen von Selbstvertretungsorganisationen, die sich an medizinisches Personal wenden, um dieses aufzuklären, oder die sich an andere Betroffene richten, um gegenseitige Unterstützung zu bieten. Auch von Seiten der medizinischen Expert:innen gibt es Bemühungen, die Aufklärung voranzutreiben. Durch die Perspektiven von Selbstvertretungsorganisationen werden außerdem systemische Herausforderungen deutlich. Für strukturelle Lösungsansätze ist daher der fachliche Austausch mit einschlägigen Selbstvertretungsorganisationen eine wichtige Voraussetzung.
Was außerdem fehlt und essenziell ist, ist eine Ausweitung des Diskriminierungsschutzes. Ein Levelling-Up im Gleichbehandlungsgesetz würde erwirken, dass nicht nur das Geschlecht, sondern auch sexuelle Orientierung beim Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen von dem Schutz erfasst ist. Diese Rechtssicherheit wäre ein wichtiges Zeichen für Betroffene und eine Bestärkung darin, dass sie Diskriminierung nicht einfach aushalten müssen.